4. Konzept
Konzept
Die Gestaltung der Anlage des Jugenderholungsheimes Ottendorf wurde "als typische Zeitlösung nach allgemeingültigen Harmoniegesetzen angestrebt" und entlang der Ost-West-Achse errichtet. Das zeugt von einer geschickten Nutzung von Lösungen aus dem Schatz der Architekturgeschichte: Ägyptische Tempel, alte Schulen in Athen, Klosteranlagen im mittelalterlichen Europa aber auch direkte Zitate aus dem Tessenows Festspielhaus oder der Wasserturm im Geist von Bauhaus als eine Brücke zum architektonischen Kontext der Moderne.

Der Architekt wollte hier ein „Heim" und keine „Anstalt" entstehen lassen. „Die Baumassen wurden darum niedrig gehalten und in sich abgeschlossen". Der Heimhof als Mittelpunkt der Anlage mit einer „Bastion in voller Breite des Hofes gegen die böhmische Landschaft" sollte der Anlage die heimische Atmosphäre verleihen.

Das Jugenderholungsheim Ottendorf bot der Jugend aus den Arbeitervierteln am Stadtrand, die mit ihren Eltern in überfüllten Häusern mit sehr bescheidenen hygienischen Standards wohnten, ein beispielhaftes Komfortniveau.

Plan des Grundgeschosses
1928
Gemeinschaftsraum
1929
WOHNFLÜGEL: LEBEN WIE IN EINER FAMILIE

Die Anlage bot Platz für 160 Jugendliche – vier Gruppen je 20 Jungen oder Mädchen, die man heute wohl als Teams bezeichnen würde. Die Räumlichkeiten waren wie eine Art von „Einfamilienhäusern" so angeordnet, dass eine heimische Atmosphäre entstehen konnte, und dass man die Anlage komfortabel nutzen konnte. Jedes der „Einfamilienhäuser" verfügte über drei Geschosse mit einem bestimmten Nutzungszweck: Wasch- und Baderäume waren im Untergeschoss eingerichtet, Tagesräume im Erdgeschoss und Schlafräume im Dachgeschoss. Die Schlafsäle im Obergeschoss waren in Kojen eingeteilt, jede Koje enthielt zwei Betten und war durch einen Vorhang vom übrigen Schlafsaal abtrennbar, um so den Eindruck des kasernenmäßigen Schlafsaals zu vermeiden und privaten Raum für jeden Gast entstehen zu lassen, auch wenn die Gäste einen solchen Luxus nicht gewohnt waren.
Schlafsaal im Obergeschoss mit Kojen für zwei Personen und Einbaumöbel
1929
DER HEIMHOF: DAS AUFFANGBECKEN DES LICHTS

Der geräumige Heimhof ist der Mittelpunkt des Lebens im Heim. In den anliegenden Räumen waren die Belegungsflügel und der Speise- und Festsaal. Die großartigen Buchen fügten sich organisch in die Anlage ein, der Architekt hatte so eine Brücke zwischen der Natur und dem hochtechnologischen Architekturwerk geschaffen. Eine breite Bastion war gegen eine böhmische Landschaft vorgebaut, um den Gästen so das Gefühl der Geborgenheit zu geben. Die Galerien und die strenge Fassade des Festsaals fassen auch heute den Heimhof gleichsam ein und lassen die Achtsamkeit eines mittelalterlichen Klosters oder einer antiken Schule entstehen.
» In jeder Weise klingt der Stahl durch unsere Zeit und ihre Räume, Irgendwie muss sich der moderne Schnellzuglokomotive, das Automobil und die optisch-mechanisch-elektrische Welt in der Gestaltung auch unserer Jugendherbergen spiegeln – sonst gehören sie bereits der Vergangenheit an – noch eher sie geboren sind. Gestaltete Zeit" Das ist die Lösung…«
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Kurt Bärbig, 1925
Speise- und Festsaal
SPEISE- UND FESTSAAL: DIE ACHSE DES LICHTS

Der Speise- und Festsaal liegt im Zentrum der Anlage. Alle Bewohner und Gäste des Jugenderholungsheimes sammelten fanden sich hier mehrmals im Laufe des Tages zu gemeinsamen Mahlzeiten zusammen, hier fanden auch verschiedene Veranstaltungen statt. Die Größe, das stilistische Konzept und die technische Ausstattung des Saals mögen als selbstverständlich erscheinen, denn wir kennen heute zahlreiche ähnliche Räume. Aber in den 1920er Jahren war das eine sehr fortschrittliche Lösung: Industrielle Konstruktionen ermöglichten die hohe Bauweise des Saals. Technische Ausstattung, Gestaltung, alles erinnerte an Fabrikräume.

Der Innenraum des Festsaals war lichtdurchflutet, die hohen Fenster sorgten für eine Verbindung mit der umliegenden Natur und ein Gefühl der Feierlichkeit. Auch die Bühne mit dem Flügel und professionellen Verdunkelungs- und Beleuchtungsvorrichtungen hatte ursprünglich Fenster. Das Licht, das in dem gegen Osten offenen Heimhof aufgefangen wurde, strömte so in die öffentlichen Räume ein, um dann Richtung Westen wieder auszuströmen, wie im natürlichen Zeitfluss.

Neben der Bühne war ein spezielles Künstler- und Referentenzimmer, darüber befanden sich einige Räume für die Übernachtung von Gästen. Im Zwischengeschoss über den Saaleingängen, gegenüber der Bühne, waren ein geräumiges Zimmer für die Aufbewahrung der Filmvorführungsmaschine und ein Konferenzraum vorgesehen. Die hohen Fenster und eine kleine Terrasse mit dem Blick auf den Hof mit kräftigen Buchen und einer Bergkette am Horizont. Es lag ursprünglich auch nach Süden vom Festsaal eine große Terrasse, wo man beim schönen Wetter im Freien speisen und den Blick genießen konnte. Im großen Dachraum über dem Festsaal war als Gymnastiksaal ausgebaut und mit einem kleinen Bühnenpodium versehen. Die Öffnungen im Fußboden ermöglichten den Zugriff auf die Lampen zur Beleuchtung des Festsaals. Der Saal wurde mittels Heißluftzuführung über Öffnungen in den Treppen zur Bühne beheizt.
Die Stahlträger im Festsaal, aber auch die Klinkerbausteine für die Verkleidung von Säulen waren auch für Anlage der Konsumgenossenschaft „Vorwärts" prägend. Zu den Gemeinsamkeiten zählen acht Platten aus grauer Keramik als Wandschutz in Treppenhäusern sowie Stahlgeländer und Türklinken. Die Treppen zwischen den Geschossen der „Einfamilienhäuser" entstanden aus Beton, wobei die einzigartige Bautechnologie heute nicht mehr zum Einsatz kommt.

Die Fenster des Schlafgeschosses wirken wie Fensterbände, ohne diese nachzuahmen, wie es bei manchen konstruktivistischen Bauwerken der Avantgarde-Architekten der Fall war. Die Ästhetik der hohen Fenster im Speise- und Festsaal war für die industriellen Bauten der damaligen Zeit prägend.
» Bärbig hält es für nötig, die architektonischen Räume unmittelbar aus der umgebenden Landschaft entstehen zu lassen. Seine Bauwerke folgen deswegen der Natur, indem sie diese plastisch verlängern oder ergänzen. Die Landschaft gibt dem architektonischen Gedanken und der nachfolgenden baulichen Lösung die Richtung vor. «
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Martin R. Möbius, 1930
Waschräume in einem der "Einfamilienhäuser"
1980
HYGIENE UND KOMFORT

Das Jugenderholungsheim bot Jugendlichen aus den Arbeitervierteln am Stadtrand das ein beispielhaftes Komfortniveau. Jedes Geschoss hatte Klosettanlagen. Jeder Gruppe aus zwanzig Jungen oder Mädchen und einem Führer stand ein eigenes Waschraum mit drei großen Waschbecken, Duschen und Badewannen zur Verfügung.

Die siebenecksternförmigen Waschbecken (auch das ist ein Verweis auf die Ästhetik der altägyptischen Tempel) mit je sieben Waschstellen und Duschköpfen ermöglichten das Waschen unter fließendem Wasser. Das Wasser wurde vom Führer an einer Stelle einheitlich für alle 21 Stellen auf eine bestimmte Temperatur gemischt und lief nach Nutzung in einem großen, nicht verstopfbaren Ablauf weg.

Jeder Jugendliche hatte in der Garderobe einen eigenen Garderobeschrank, und in der Mitte eines jeden Garderobenraums war eine bankförmige Erhöhung aus Klinkern zum bequemen Ein- und Ausziehen von Schuhen gemauert.

Die Jugendlichen standen unter ärztlicher Beobachtung. Ein Untersuchungszimmer und zwei Krankenzimmer für Jungen und Mädchen mit zugehörigem Bad wurden im unteren Turmflügelgeschoss eingerichtet.
HEIMBÜCHEREI MIT EINEM GROßEN KAMIN

Das Kopfende des Mädchenflügels beherbergte einen Kaminraum mit der Heimbücherei. Entlang der Panoramafenster mit Blich auf das Vorgebirge der Sächsischen Schweiz war ein Schreibtisch mit Trennwänden eingebaut, an dem man ungestört lernen konnte. Die Jugendlichen konnten sich am Abend um die offene Flamme herumsetzen und erzählen oder lesen. In den Jahren 1933 bis 1945, als die Anlage vom Bund Deutscher Mädel genutzt wurde, war das ein Lieblingszimmer vom sächsischen Gauleiter Martin Mutschmann, für den im Belegungsflügel eine Wohnung eingerichtet wurde.

Am Kopfende des (nördlichen) Jungenflügels lag das „Aufnahmebüro" und das Arbeitszimmer des Heimleiters. Hier war auch die Hauptuhr, mit der alle Uhren des Heimes elektrisch verbunden waren. Erhalten geblieben ist nur eine Uhr im Kohlenkeller unter dem Turm.
Kaminzimmer und Heimbücherei

Küchenanlage und Personalzimmer dahinter
1929
KÜCHENANLAGE

Der Wirtschaftsflügel war von den restlichen Räumen völlig abgetrennt und bildete einen Wirtschaftshof. Die Speisenausgabe erfolgte durch ein spezielles Fenster aus der Küche im Wirtschaftsflügel. Im Keller befanden sich ein kalter Raum für die Aufbewahrung von Vorräten, eine Wäschekammer und eine Garage für zwei Autos sowie Räume für Kartoffelaufbewahrung und Kartoffelbearbeitung. Die vorbearbeiteten Lebensmittel wurden in die Küche mit einem kleinen Aufzug befördert.

Die Küche war betriebstechnisch organisiert, ähnlich wie es in sowjetischen Hauskommunen und Betriebskantinen der Fall war. Die Zubereitung von Speisen erfolgte wie am laufenden Band und ohne Gegenläufigkeit im Küchenverkehr zwischen der Zuputz- und Kochküche, Anrichte, Speiseausgabe und Aufwaschküche. Die Lebensmittel wurden in speziellen Dampfkesseln gedünstet. Die einzelnen Abteilungen waren durch Glaswände getrennt. Alle Vorgänge wurden automatisiert, so dass man mit wenig Personal 80 Jugendliche sowie Heimarbeiter und Gäste des Jugenderholungsheims versorgen konnte. Neben der Küche lag ein Speiseraum für die Helferinnen und die Küchenverwaltung und die Heizerwohnung. Die Helferinnen-Wohn- und -Schlafräume, ein zugehöriges Bad und die Wohnung des Heimleiters lagen im Obergeschoss.
Bauarbeiten im Keller unter dem Festsaal
1928
Wirtschaftshof, Blick auf den Speise- und Festsaal und den Wirtschaftsflügel mit der Küchenanlage.
TECHNISCHE ANLAGEN IM KELLER

Im Keller des Hauptgebäudes, unter dem Speise- und Festsaal, liegen große Räume für Zentralheizung, Brennstoffe, Warmwasserbereitung und Motoren für Frisch- und Heißluftzuführung in den Saal über die Spalten in den Treppen zur Bühne. Eine solche Lösung gewährleistete eine angenehme Raumtemperatur und Luftqualität rund um das Jahr.

Das Jugenderholungsheim verfügte über eine eigene Umspannstation und Heimwäscherei mit Wasch- und Trocknungsmaschinen, eine Plättestube, einen Raum zur Desinfektion von Wäsche eine Einrichtung zum Trocknen nasser Kleider.

Der Keller des Wirtschaftsflügels beherbergte auch eine Garage mit der Reparaturrampe, einen Aufbewahrungsraum für Lebensmittel und Maschinen zur Kartoffelbearbeitung. Die vorbereiteten Lebensmittel wurden in die Küche mit einem speziellen Aufzug befördert.

Speise- und Festsaal, Wasserturm, Besucherflügel
1929
» Bärbig had a compulsory need to create architectural spaces out of the ambient landscape. This is why his buildings follow the nature, they overwhelm it fluently and elaborate on it. It is the landscape that defines the course of architectural thought and its further structural implementation. «
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Martin R. Moebius, 1930