2. Geschichte

Geschichte des Jugenderholungsheims in Ottendorf
SOZIALES IDEAL, POLITISCHE NOT, WIRTSCHAFTLICHE ÜBERLEGUNGEN

» Heute steht das Jugenderholungsheim Ottendorf als ein Zeuge moderner sozialer Gesinnung vor uns. Es ist der arbeitenden Jugend gewidmet, daß sie sich körperlich und geistig entfalten kann zur kraftvollen Trägerschaft einer besseren Zukunft. «
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Alfred Krueger, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Gesellschaft Sächsischer Jugenderholungsheime, 1929


Die industrielle Revolution und der Erste Weltkrieg hatten einen starken negativen Einfluss auf die Arbeiterjugend in Deutschland. Junge Menschen im Alter von 14 bis 21 Jahren mussten länger als acht Stunden am Tag und sechs Tage pro Woche schuften; der lange Weg zur Arbeit, enge Wohnverhältnisse und mangelhafte hygienische Zustände in den Unterkünften taten ihr Übriges.

Die Jugendlichen konnten unter solchen Bedingungen weder sich ganzheitlich entwickeln noch effizient arbeiten, das zog soziale Probleme nach sich, schwächte die Wirtschaft und belastete die Krankenkassen. Eine Lösung waren Erholungsheime für die Arbeiterjugend.

1927 wurde die Gesellschaft sächsischer Jugenderholungsheime m.b.H. gegründet. Ihre Aufgabe war es, Partner für die Finanzierung zu gewinnen, die baulichen Aktivitäten zu koordinieren und das erste Jugenderholungsheim zu verwalten. Im Sommer 1928 erfolgte auf der Endlerkuppe bei Ottendorf in der Sächsischen Schweiz die Grundsteinlegung. Als der Winter hereinbrach, waren die Hauptgebäude völlig eingedeckt. Im Sommer 1929 konnte das Jugenderholungsheim Ottendorf die ersten Gäste empfangen.

Das Jugenderholungsheim Ottendorf war als eine Stätte der Gesundung und Ertüchtigung gedacht: Das Leben dort musste eine vernünftige Gestaltung bekommen und in Übereinstimmung mit innovativen zeitgenössischen Vorstellungen ablaufen, damit so eine neue Gemeinschaft entsteht. Die Aufgabe des Architekten war es, die Anlage so zu gestalten, dass sich die Jugendlichen dort ausruhen konnten, und so „aus dem Erlebnis dieser Tage einen Lebensimpuls werden zu lassen."

» Stahl durchzieht unsere Zeit und unseren Raum. Die schnellen Lokomotiven, Autos und die moderne optisch-mechanisch-elektrische Welt müssen ihre Widerspiegelung in unseren Jugenderholungsheimen finden – sonst werden diese obsolet, noch bevor sie entstehen. Architektonisch gestaltete Zeit – das ist die Lösung! «


Kurt Bärbig, 1925

Kinderarbeit in einer deutschen Fabrik
1900er
1925
1927
» Wir werden kaum je nur Jugendliche einer Geistesrichtung, einer politischen Richtung, einer Zielstrebigkeit haben. Das allen Gemeinsame wird ihr Werdendes, ihr Jugendliches sein — und außerdem die Notwendigkeit, Körper und Geist eine Ruhepause, eine Kräftigungszeit zu gönnen. «
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Karl Wilker, Leiter des Jugenderholungsheimes Ottendorf
PERFEKTE SYMBIOSE: IDEE UND ARCHITEKTONISCHE GESTALTUNGE

» Die Gestaltung der für den gesamten Heimbau erforderlichen Baumassen ist unter Vermeidung einer sowohl dekorativ-schmückenden Formensprache wie auch einer rationalistischen Romantik als sachlicher Zweckbau durchgeführt. Die Vollkommenheit in der Erreichung des Bauzweckes wurde auf wirtschaftlich knappster Grundlage gesucht und die Gestaltung als typische Zeitlösung nach allgemeingültigen Harmoniegesetzen angestrebt. «
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Kurt Bärbig, 1929


Das Jugenderholungsheim Ottendorf ist das Vorzeigebeispiel einer echten Public Private Partnerschaft. Die Gelder für den Erwerb des Grundstücks und das Bauvorhaben wurden sowohl von staatlichen und Landeseinrichtungen als auch von privaten Bürgern, und die Ausstattung wurde von Sponsoren zur Verfügung gestellt. Am Bau des Heimes waren 17 Unternehmen aus Ottendorf und dem naheliegenden Sebniz beteiligt sowie Bauunternehmen und Lieferanten aus Dresden und aus der Sächsischen Schweiz.

Im von Bärbig entworfenen Gebäude haben sich Funktion, Form und Idee so vollkommen ineinander verflochten, dass das Heim als ein Vorzeigekomplex für die „Umgestaltung des Bewusstseins" gilt.

Die "internationale Architektur" der damaligen Zeit strebte einen aktiven Einfluss und eine erzieherische Einwirkung auf die breiten Arbeitermassen an, damit diese ihre Lebensgewohnheiten radikal ändern würden, indem ihnen Lebens- und Arbeitsweise in den neuartigen Bauwerken fest vorgegeben wurden. Bärbig schaffte es, eine mildere Herangehensweise durchzusetzen: Eine rationale und harmonische Raumgestaltung wurde mit traditionellen Werten wie Familienleben und Wärme des Heimes verbunden.

Das Ergebnis war ein symbiotisches Zusammenspiel zwischen der Stuttgarter Schule, dem Bauhaus-Funktionalismus und dem Festspielhaus – der „Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus" des Architekten Heinrich Tessenow in Heller.

Auf der einen Seite war der Gebäudekomplex aus der Idee der „neuen Sachlichkeit" geboren. Die Räumlichkeiten wurden sorgsam in einzelne Bereiche unterteilt: für schöpferische Betätigung, Erholung, Hygiene, Bewirtschaftung, öffentlicher Austausch. Bärbig hat konstruktive Lösungen und zum Teil auch Baustoffe aus der industriellen Architektur eingesetzt. Parallel dazu entwarf er auch die "Vorwärts"-Anlage, und das ist wohl der Grund, warum er sich für Stahlkonstruktionen im Speise- und Festsaal, aber auch für die typische Bearbeitungsweise von Beton, Klinkerbackstein, Tonfliesen und für bestimmte Details wie Treppengeländer und Türgriffe entschied. Dazu kamen die damals modernsten Lösungen für Heizung, Belichtung, Essenzubereitung und zentrale Wasserversorgung.

Die Lage, der Bauplan und die Klarheit der Architekturformen verwiesen gleichzeitig auf ägyptische Tempel, griechische Gymnasien und mittelalterliche Klöster.
Dienstgebäude, Küche, Wohnung des Heimleiters, Garage
1928
1928
1929

ERHOLUNGSHEIM IM KONTEXT DES MODERNEN ARCHITEKTURDISKURSES

Wenn wir das Erholungsheim vor dem Hintergrund dessen Entstehungszeit betrachten (1927–1929), dann können wir die Rolle des Architekten für seine Zeit besser verstehen, der alle architektonischen Kunstgriffe spielerisch anwenden konnte.

Die professionellen Kunstschaffenden der 1920er Jahre, Filmschaffende wie Architekten, zitierten einander immer wieder und gerne. So konnten sie in eine Art Dialog miteinander treten, der nur für Eingewandte nachvollziehbar war. Ihre Werke oder deren Teile waren Statements – ganz egal ob ernst oder spaßig gemeint – im künstlerischen Kontext der Zeit.

So fand Bärbig für jede Funktion des Erholungsheims eine entsprechende Form, indem er sich aus der zeitgenössischen, aber auch klassischen Architektur bediente: Der geistige Mittelpunkt der Anlage, wo die Gäste mit der „geistigen Nahrung" versorgt wurden, verwies auf das Zentrum für rhythmische Gymnastik in Hellerau (Festspielhaus); das technologische Verfahren der Wasserversorgung, -speicherung und -verteilung wurde im Geiste des Bauhaus-Funktionalismus gestaltet, und die Wohnräume entsprachen in ihrer Form und Struktur denen in einem traditionellen Wohnhaus.

The Ottendorf Holiday center can be called a "cousin" of Das Erholungsheim in Ottendorf kann als ein Vetter der konstruktivistischen „Haus-Kommunen" der 1920er Jahren betrachtet werden. Denn diese hatten ein ähnliches Konzept: Einen neuen Menschen und eine neue Menschengemeinschaft schaffen, und zwar durch eine Lebensgestaltung, die ihren Ausdruck in der Architektur fand. Aber: Das Projekt von Kurt Bärbig barg in sich keinen totalitären pädagogischen Anspruch von Bauhaus, „einen aktiven Einfluss auf die breiten Arbeitermassen zu nehmen, diese zu erziehen und zu zwingen, ihre Alltagsgewohnheiten zu ändern". „Die Anlage selbst sollte nicht eine „Anstalt", sondern ein „Heim" werden," – schrieb Bärbig.

Teller aus dem Erholungsheim in Ottendorf
Festsaal
1980's
Waschraum
1980er
DAS WASSERTURM UND DAS BAUHAUS: ZUM STREIT ÜBER FLACH- UND SATTELDÄCHER

Die 1920er Jahre prägte unter anderem der "Streit" über die und Satteldächer und Flachdächer zwischen solchen Avantgarde-Architekten und Bauhauskünstlern wie Le Corbusier und Mies van der Rohe. Die Anlage in Ottendorf ist deswegen beispiellos, weil Bärbig auf dem Höhepunkt der dieser Diskussion zwischen den deutschen Architekten die beiden Dacharten mit viel Ironie zusammenführte. Der konstruktivistische Wasserturm neben den Flachdächern von den restlichen Gebäuden und der Raum, der zugleich als Speise- und Festsaal konzipiert wurde, sind zum Symbol für die Symbiose zwischen der traditionellen Ästhetik und dem Avantgardismus geworden.

Die zentrale Trinkwasserversorgung erfolgte von der etwa einen Kilometer entfernten, im Tal auf Ottendorfer Flur liegenden Endlermühle aus: Zwei Plungerkolbenpumpen drückten das Wasser in den Wasserturm des Heimes. Elektrische Apparate schalteten die Pumpen selbsttätig nach Bedarf ein und aus. Der Wasserturm trug an höchster Stelle den Wasserbehälter, während sich in den Geschossen darunter einbettige Ferienzimmer, eine Dunkelkammer und ein Raum für photographische Arbeiten befanden, ausgestattet mit Geräten von der Fa. Zeiss Icon. Der Turm endete in einer Plattform und bot dort eine prächtige Aussicht auf die Sächsische Schweiz mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie dem Schloss Königstein, Berg Lilienstein und dem Tafelberg.

Der Turm mit seinem Flachdach, der Balustrade und der Glaslaterne, einem Verweis auf die konstruktivistische Architektur, wirkt als ein Fremdkörper im Bauensemble. In Dresden, der alten Stadt des Barock, die sich der zeitgenössischen Architekturwerk eine lange Zeit verweigerte, wurde in den 1920er Jahren ausgiebig über den Bau von Türmern diskutiert. Im Jahr 1926 gewann Kurt Bärbig den Wettbewerb für die Errichtung der Büro- und Produktionsanlage der Konsumgesellschaft „Vorwärts", indem er den Bauhaus-Begründer Walter Gropius zurückdrängen konnte. Zur Bärbig-Anlage gehörte auch ein runder Turm mit einer hohen runden Glaslaterne. Bärbig entwarf die „Vorwärts"-Anlage parallel mit dem Jugenderholungsheim Ottendorf. Er verwendete bei der architektonischen Gestaltung des Jugenderholungsheimes einige Lösungen und Elemente, die für Produktionshallen typisch waren, und lies sich von den Grundsätzen des Bauhauses leiten.

Das Jugenderholungsheim von Kurt Bärbig stand im Geiste von Bauhaus: Sowohl die Architektur als auch die angewandte Kunst sollten vor allem nützlich sein, aber auch komfortabel, schön und erschwinglich zugleich. Bärbig selbst war ausgebildeter Zimmermann, Publizist, Kunstmaler, kurzum, der ideale Schöpfer, wie ihn sich avantgardistische Künstler vorstellen konnten.

Wasserturm
1929
Aussichtsplattform

DAS JUGENDERHOLUNGSHEIM IN OTTENDORF VON KURT BÄRBIG UND DAS FESTSPIELHAUS VON HEINRICH TESSENOW

48 Kilometer trennen die zwei Bauwerke voneinander: Das Festspielhaus in Hellerau zählt zu den berühmtesten Werken der deutschen Architektur Anfang der 20. Jahrhundert, während nur wenige Architekturwissenschaftler das Bauensemble in Ottendorf kennen. Die Bauwerke folgen einem ähnlichen Konzept, Gemeinsamkeiten gibt es auch beim Baustil und teilweise bei der Baukomposition, Lichtnutzung und modernsten Techniken. Aber: Bärbig guckte nichts ab, sondern fand eine neue, eigenständige und zum Teil feinere Lösung, die von Architekturwissenschaftler immer noch untergeschätzt wird.

Die Fassade des Speise- und Festsaals, das zum Hinterhof geht, erinnert mit ihrer schlichten Ästhetik, Säulensystem und dem hohen Giebel an die des Tessenow-Festspielhauses, das von vielen Architekten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgeahmt wurde. Tessenow hat sich wiederum vom Eduard-Müller-Krematorium in Hagen inspirieren lassen, entstanden von 1906 bis 1908 nach Plänen von Peter Behrens, und das Bauwerk von Behrens hatte einen Bezug zum Vorbildgebäude St. Miniato al Monte in Florenz. Auch die ideologischen Konzepte wiesen Ähnlichkeiten auf: Es ging um die Schaffung eines neuen Menschen, die Geburt einer neuen Menschheit, um eine neue Lebensweise der Gesellschaft. Für das Festspielhaus war die zentrale Rolle der rhythmischen Kunst, des Tanzes, prägend, und für das Jugenderholungsheim die einer gesunden Lebensfreude und einer funktionellen Raumgestaltung. Die architektonische Askese vorgibt in beiden Fällen einen eigenen Rhythmus und bestimmte die Wahrnehmung des „Neuen".

Der minimalistische Klassizismus lieferte den beiden Meistern seine Antworten auf die Fragen, was ist Architektur, was sind deren grundlegenden Komponenten und welche Systemgesetze gelten, aber auch wie man diese entsprechenden Gesetze zur Gestaltung von öffentlichen Räumen anwenden kann, um Menschen zu Veränderungen zu animieren.

Beide Anlagen wurden zu Wahrzeichen der entsprechenden Ortschaften: in Hellerau ersetzte Tessenows Festspielhaus, das einem altgriechischen Gymnasium ähnelt, eine Kirche, die es dort nie gegeben hatte, und das ehemalige Jugenderholungsheim wurde in den 1980er Jahren auf dem Wappen Ottendorfs abgebildet.

Kurt Bärbig
1912
Heinrich Tessenow
1876
VORBILDLICHES JUGENDERHOLUNGSHEIM UND SEINE ROLLE BEIM ENTSTEHEN EINER NEUEN LEBENSWEISE

» Gemeinschaft läßt sich nicht erzwingen. Sie kann nur erlebt und erfüllt werden, nachdem sie zuvor erfühlt wurde […]
Der Weg für die Gestaltung des Lebens im Jugenderholungsheim ist im wesentlichen schon gegeben durch die Form, in der der Gedanke baulich ausgedrückt ist. Denn diese Formgebung hat alles Luxuriöse vermieden, hat alles Zweckmäßige gestaltet; sie betont das Schlicht-Schöne, das Gesunde, das Einfache. «
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Karl Wilker, erster Leiter des Jugenderholungsheimes Ottendorf, 1929


Das Jugenderholungsheim Ottendorf sollte nach dem Willen seiner Schöpfer der Stärkung der körperlichen Leistungsfähigkeit dienen und darüber hinaus eine Pflegstätte echter Kameradschaftlichkeit sein. Die Lebensordnung hatte drei tragende Säulen: moderne technische Infrastruktur, gesunde Lebensführung, architektonische Schlichtheit.

Die bauliche Gestaltung des Heims ermöglichte weites Auseinanderströmen und enges Zusammenströmen und bestimmte, in welcher Gesamtrichtung das Heimleben

gestaltet werden musste. Das Erlebnis im Heim musste zu einem Lebensimpuls werden, die Grundlage für die Stiftung einer neuen Lebensweise liefern.

Es waren Jugendliche unterschiedlichster Geistesrichtungen und politischer Richtungen und verschiedener Zielsetzungen, die ins Erholungsheim Ottendorf kamen. Die Architektur Kurt Bärbigs schuf eine ideale räumliche Voraussetzung für eine zwanglose (anders als es in den avantgardischen „Hauskommunen" der Fall war) Entstehung der Gemeinschaft: durch den „Willen zu Ordnung und Sauberkeit in äußeren und inneren Dingen" und den „Stil des Einfachen, des Gesunden, des Schlicht-Schönen" als Lebensform, die jugendgemäß ist.

Die gemeinsamen Aktivitäten konnten das Übrige tun: Um „das Gegensätzliche aufbauend zu verwerten", um junge Menschen spüren zu lassen, dass es „eine Gemeinsamkeit gibt, die tiefer geht als nur bis zu einem 'Gleicher-Gesinnung-Sein'", wurde dafür gesorgt, dass Jugendliche zusammen singen und spielen, gemeinsame Ausflüge unternehmen, musizieren, Volkstänze und Gedichte vorführen. Auch gemeinsame Mahlzeiten, Beschäftigung in der Buchbinderei oder photographische Arbeiten in einer von der Fa. Zeiss Icon ausgestatteten Dunkelkammer.

» Darüber hinaus kommt es darauf an, aus dem Erlebnis dieser Tage einen Lebensimpuls werden zu lassen. Es ist zu billig, heute noch die „Arbeitsfreude" als einen solchen Impuls zu betrachten. Diese Arbeitsfreude ist ein psychologischer Begriff, aber kein tatsächlicher Lebensfaktor mehr. Der Lebensfaktor kann nur eine gesunde, eine neue Lebensfreude sein, die das Leben auf der einen Seite nicht als eine aufgezwungene Last betrachtet, die auf der anderen Seite aber auch nichts zu tun hat mit einer liebenswürdigen Romantik, die tut, als ob es keine Maschinen und laufenden Bänder, keine Erwerbslosenzüge und keine Menschenzusammenbrüche gäbe. «
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Karl Winkler, 1929

1929
1933
Das Heim nahm Madchen und Jungen auf. Zwanzig Jugendliche mit einem Führer bzw. einer Führerin bilden eine Gruppe. Jungen-wie Mädchenflügel enthielten Räumlichkeiten für je vier solcher Gruppen nach Art von „Einfamilienhäusern". Selbstbetätigung und Selbstverwaltung hatten eine grundlegende Bedeutung.

ERSTE TRAGENDE SÄULE: MODERNE TECHNISCHE INFRASTRUKTUR

Das Jugenderholungsheim Ottendorf war mit der neusten Technik ausgestattet. In den geräumigen Kellern unter dem Ess- und Festsaal, dem Turmflügel und Wirtschaftsflügel befanden sich die wichtigsten technischen Systeme: eine eigene Umspannstation, Systeme für Zentralheizung und Heißluftzuführung, Heimwäscherei mit Wasch- und Trocknungsmaschinen, eine Plätt- und Flickstube, eine Einrichtung zum Trocknen nasser Kleider sowie Räume zur Desinfektion von Wäsche. Die große Küchenanlage schuf die Möglichkeit, alle Gäste des Jugenderholungsheimes effizient und mit nur vier bis fünf Mitarbeitern zu verpflegen. Die Jugendlichen mussten im Haushalt nicht helfen: Der Fokus lag auf der körperlichen und geistigen Genesung und Erziehung zur Gemeinschaft. Den Lebensrhythmus gab die elektrische Uhrenanlage vor, die aus dem Büro des Heimleiters angesteuert wurde.

ZWEITE TRAGENDE SÄULE: GESUNDE LEBENSFÜHRUNG

Die Heimanlage wurde von Osten nach Westen auf einer Anhöhe gebaut. Sonne konnte das ganze Haus durchdringen, Luft und Licht gehörten zu den Heilfaktoren. Der Heimhof ist gegen Osten offen, und das Heimgebäude hatte Galerien und zahlreiche Fenster. Fließendes Wasser war eine Voraussetzung dafür, dass „keine ängstliche Sparsamkeit mit Wasserverbrauch zu walten hat", und die Warmwasserversorgung – damals eine Seltenheit – sorgte für ein nie dagewesenes Komfortniveau und eine hohe Qualität hygienischer Maßnahmen. Die Lebensmittel wurden aus umliegenden Höfen zugestellt, das Essen wurde mit Dampf zubereitet, um die Körper der Jugendlichen zu stärken und die „gesundheitlichen Schädigungen des Volkskörpers" vorzubeugen. Das Meiden von Alkohol von Nikotin gehörte zu Selbstverständlichkeiten der Hausordnung; dafür wurden zahlreiche individuelle und gemeinschaftliche Möglichkeiten für die Genesung geboten, und zwar zu jeder Jahreszeit: im Gymnastiksaal, im Innenhof, Ausflüge, Sportspiele im Freien.

DRITTE TRAGENDE SÄULE: HARMONISCHE ARCHITEKTONISCHE GESTALTUNG

Die architektonische Gestaltung des Jugenderholungsheimes Ottendorf gibt den pulsierenden Rhythmus für weites Auseinanderströmen und enges Zusammenströmen, die sich hier begegnen, und somit für einen Kreislauf der Energien. Die Räume sind so gestaltet, dass die innere Aufmerksamkeit in der „Familienzelle" aufgefangen, im Innenhof reflektiert und zusammen mit dem Sonnenlicht ins Herzstück des Heimes, nämlich in den Ess- und Festsaal strömt, wo sich das Gemeinschaftsleben abspielt. Die zahlreichen Fenster, Terrassen und Aussichtsplattformen sorgen dafür, dass die Landschaften, das Licht und die Luft ins Gebäude strömen, es mit der natürlichen Energie, Schönheit und Reinheit erfüllen und gleichzeitig einladen, die Ströme der Aufmerksamkeit auf eine endlose Landschaft hinaus zu richten. Die minimalistische Architektur lenkte nicht ab, aber sie organisierte das Ganze. Die Landschaft wurde wiederum Teil der Anlage, der Architekt hatte mehrere Buchen auf der Anhöhe in das Ensemble des Heimhofs eingeschlossen und so für eine ausgewogene Kombination der von Menschenhand geschaffenen und der natürlichen Harmonie gesorgt.

DIE MÜTTER VON MORGEN: GENERATION ZUKUNFT

Bund Deutscher Mädel (BDM) in Sachsen

Die Aufgabe der Schule ist es „als Keimzelle für die gesamte weibliche Jugend gedacht, um sie für einen neuen Lebensabschnitt zu erziehen; sei doch die gegenwärtige Jugend dazu bestimmt, Urahnen eines neuen Geschlechtes zu sein.«
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Baldur Benedikt von Schirach, Reichsjugendführer der NSDAP.


Frauen im Alter von 14 bis 18 Jahren wurden Kurse in Haushalts- und Gesundheitsführung geboten, sie konnten sich geistlich und körperlich stärken, um so sich auf die Rolle von Frauen und Müttern und auf die Erziehung einer neuen Generation von Deutschen gefasst zu machen.

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges wurde die Einheit in eine BDM-Führerinnenschule umgewandelt. Das Haus auf dem Hügel war damals als „NS Burg Ottendorf" bekannt. Kurz vor dem Kriegsende war das Gebäude ein Ausbildungslager für Soldaten, bevor diese an die Front geschickt wurden.
Mitglieder des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Ottendorf
1930er
1934
1944
DIE KADERSCHMIEDE

In Ottendorf wurde die erste Parteischule der Kommunistischen Partei Deutschlands untergebracht. Seit 1947 war es die Landessonderschule des ZK der SED „Fritz Heckert".

» Nach dieser Schule müsst ihr, werte Kameraden, so handeln, dass die niedrigen (privaten) Interessen den höher gestellten Interessen (denen der Partei) untergeordnet werden, und dass ferner die niedrigen (lokalen) Parteiinteressen den höher gestellten Interessen der gesamten Partei unterordnet werden. «
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Aus einem Protokoll der Konferenz der Landesleitung der Sozialistischen Partei Deutschlands in Sachsen, 1945


Die Schule wurde mit der Erarbeitung von Grundlagen für die ideologische Schulung der Parteikader und mit der Ausbildung der Führungskräfte der KPD und SPD (seit 1947 der SED) beauftragt. Der Aufbau des Bildungssystems für die künftige kommunistische Elite erfolgte mit direkter Betreuung durch Moskau. Das Gebäude musste zum Vorbild bei der Errichtung von allen anderen Parteischulen werden.

Den Zeitgenossen konnte nicht entgehen, dass die Kommunistische Partei ihre Führungskader ausgerechnet dort ausbilden wollte, wo noch vor wenigen Monaten die „NS Burg Ottendorf" war und NS-Kader ausgebildet wurden. Die Worte des KPD-Vorsitzenden Sachsens Martin Piecks, dass eine Einrichtung des Bildungssystems in Nazi-Deutschland zum Vorbild für den Aufbau einer ersten Parteischule wurde, lösten in Moskau unter den Teilnehmern der Parteischule eine allgemeine Empörung aus.

Während der Sommerferien nahm die Parteischule Pioniere aus den sozialistischen Ländern auf. In den 1970er–1990er Jahren war die Anlage als Gemeinschaftshaus Ottendorfs genutzt, dort traten bekannte Künstler und Künstlerkollektive auf.
Landessonderschule des ZK der SED „Fritz Heckert". Ferienlager
1980er
1945
1989
In den ersten Nachkriegsjahren war die Anlage als „rotes Kloster" bekannt – wegen der fanatischen ideologischen Besessenheit der Studierenden und ihres asketischen Lebens. Die Schicksale vieler erster Lehrer und Schüler könnten Stoff für James-Bond-Romane liefern.

Landessonderschule des ZK der SED „Fritz Heckert". Eine internationale Schicht mit Thälmannpionieren und Pionieren aus Polen.
1980er
1989 wurde die Anlage der Treuhandanstalt übergeben. einer in der Spätphase der DDR gegründete Anstalt des öffentlichen Rechts mit der Aufgabe, die Volkseigenen Betriebe der DDR nach den Grundsätzen der Sozialen Marktwirtschaft zu privatisieren. Die Anlage wechselte daraufhin mehrere Eigentümer, die keine überragende Idee hatten und das einzigartige bauliche und historische Denkmal nicht mit dem gehörigen Respekt behandelten.
1989
2007
EIGENTUM DER FOREST DREAM HOTELS GMBH & CO.KG

» Das Gebäude hat ein langes Leben. Es hat bereits die meisten seiner ursprünglichen Funktionen überdauert und wird deswegen neuen Aufgaben entsprechen müssen; der einzig bleibende Faktor in diesem Fluss der Zeit wird seine Schönheit sein. «
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Mies van der Rohe

2007
Mögliche Verwendung:
Innovative Kitchen;
Unternehmensresidenz;
Öffentliche Residenz;
Private Residenz;
Hauptquartier eines Unternehmens;
Werkstatt

Grundstück:
13 Hektar

Gebäudefläche:
4.000 Quadratmeter
Baugrundstück:
30.000 Quadratmeter

Landwirtschaftliche Fläche:
100.000 Quadratmeter
BAUDENKMAL

2017 wurde dem Jugenderholungsheim in Ottendorf eine „besondere baugeschichtliche, regionalgeschichtliche und sozialgeschichtliche Bedeutung" im Freistaat Sachsen beigemessen.

» Das Jugenderholungsheim ist in seiner landschaftsprägenden Gestaltung ein wichtiger Vertreter der klassischen Moderne in Sachsen und zugleich ein Hauptwerk des Architekten Kurt Bärbig. Es ist daher von besonderer bau- und regionalgeschichtlicher Bedeutung. Seine Funktion als erstes sächsisches Jugenderholungsheim verleiht ihm zudem eine sozialgeschichtliche Bedeutung.«
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From the certificate of the regional monument of architectural, cultural and social importance, 2017
Zeugnis
2018