1. Architekt
Kurt Bärbig. 
Der unterschätzte Star der deutschen Architektenwelt

Kurt Bärbig war ein einzigartiger Experte und war aufgrund seiner vielseitigen Ausbildung als Entwickler und Architekt, Städtebauer und Publizist, Künstler, öffentliche Person und Lehrer aktiv. Seine zukunftsweisenden Ideen für die städtebauliche Gestaltung und Landschaftsgestaltung waren durch seine gesellschaftliche Vision bedingt und stammten aus dem Geist der damaligen Zeit der „neuen Sachlichkeit‘‘ – mit Faible für Baustoffe und dem Bestreben, der Zeit eine architektonische Gestaltung zu bieten.

Bärbig wurde am Ende des 19. Jahrhunderts geboren und gründete mit nur 24 Jahren ein eigenes Architektenbüro. Seine berufliche Laufbahn wurde 1917 unterbrochen: Er wurde als Soldat eingezogen und kämpfte an den Fronten des Ersten Weltkriegs.
Kurt Bärbig
1920er
Arbeitsbörse in Heidenau
1927
Haus des Gewerkschaftsbundes in Demitz-Thumitz
1927
Arbeitsbörse in Sebnitz
1927
Fleischverarbeitungsbetrieb der Konsumgenossenschaft „Vorwärts"
1926
Im Jahr 1919 kehrte Bärbig in seine Heimatstadt Dresden zurück und erhielt viele Aufträge. 1926 gewann Bärbig einen Wettbewerb, an dem neben ihm auch führende zeitgenössische Architekten wie der Bauhaus-Gründer Walter Gropius teilnahmen. So bekam er den Zuschlag für den Bau der in Europa größten Fabrik- und Büroanlage der Konsumgesellschaft „Vorwärts''.

In den 1930er Jahren wurde Bärbig die Ausübung des Architektenberufes wegen seiner sozialistischen Überzeugung untersagt, er sah sich gezwungen auszureisen. In den Nachkriegsjahren beteiligte sich Bärbig am Wiederaufbau Dresdens, unterrichtete Architektur und stand an der Wiege des neuen Bundes der Architekten der Deutschen Bundesrepublik und der Kammer der Technik (KdT) in Dresden.

Ideen und Arbeitsansätze
Sohn eines überzeugten Kommunisten, Kurt Bärbig legte viel Wert auf die soziale Dimension der Architektur. Bereits in seinen ersten Projekten suchte er das Gleichgewicht zwischen der architektonischen Umsetzung, der Funktionalität und dem Nutzungskomfort eines Bauwerks.

» Mir wurde vor Jahren bei der Planung von Kleinwohnungen der Einwurf gemacht, daß es sich ja nur um Arbeitswohnungen handle, die auch arbeitsmäßig aussehen müßten. Man glaubt offenbar, daß materielle Armut dazu verpflichtet, ihr den entsprechenden Ausdruck zu verschaffen. Das ist ein Irrtum. Arm ist nur der geistig Arme und Gestaltung und Kunst sind dicht Fragen des Geldes, sondern des Könnens. «
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Kurt Bärbig


Bärbig bediente sich gleichermaßen der modernsten Bautechniken, einer funktionalen Raumorganisation und aller Architekturformen. Der absolute Höhepunkt seines Schaffens ist das Jugenderholungsheim Ottendorf, welches für Architekturhistoriker als „beispielhaft für diese Art der Bauwerke, aber zugleich sehr persönlich und ganz unvergleichlich" ist.

Sein Stil und sein Architekturverständnis ähneln denen der Stuttgarter Schule, die den klassisch-konservativen Stil begrüßte und sich dem äußerst avantgardistischen Bauhaus-Konzept entgegenstellte – obwohl auch ihr Konzept im Wesentlichen sachlich und technologieverliebt war. Die Architekten der Stuttgarter Schule bemühten sich darum, die konstruktiven Lösungen mit den Eigenschaften der Baustoffe in Einklang zu bringen. Sie hatten eine Vorliebe für natürliche Materialien wie Stein und Holz und griffen auf die zeitgenössischen Technologien zurück. Bärbig beherrschte meisterhaft auch die formalen Ansätze der Avantgarde, davon zeugt auch der Zuschlag für sein Projekt des Fleischverarbeitungsbetriebs (Konsumgenossenschaft „Vorwärts") sowie das Jugenderholungsheim Ottendorf auf der Endlerkuppe bei Sebnitz.

Alle Projekte und Bauwerke Bärbigs verbinden auf eine harmonische Weise die Funktionalität und eine echte Liebe für Technologie mit einer ästhetischen Wahrnehmung der Landschaft. Das Ergebnis waren Architekturwerken einer ganz besonderen Art.
Kurt Bärbig
1960er
» Bärbig schafft architektonische Räume und lässt sich dabei direkt von der umliegenden Landschaft leiten. Seine Bauwerke folgen deswegen der Natur, sind ihre plastische Fortsetzung und Ergänzung. Gerade die Landschaft bestimmt die Richtung seines architektonischen Denkens und der nachfolgenden baulichen Lösungen «
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Martin R. Moebius
» Achtsamkeit ist die wichtigste Voraussetzung für die Erschaffung eines neuen architektonischen Stils. Das bedeutet… den Verzicht auf jegliche Verzierungen. Der Gegenstand, das Objekt müssen für sich sprechen. Die Form, abgeleitet vom Zweck des Bauwerks, muss auf Platz eins stehen. Der bauliche Gedanke muss klar und deutlich lesbar sein. Das Material muss seinen Charakter durch dessen sinngemäße Anwendung zum Ausdruck bringen. So entsteht eine neue Schönheit, so entwickelt sich ein neuer Stil.. «
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Kurt Bärbig
Kurt Bärbig und seine Mitarbeiter im Architerkturbüro
1913
Biography
20 März 1889
Geboren in Dresden

1906–1910
Studium an der Staatsbauschule Dresden, Abschluss mit der höchsten Auszeichnung

1910–1912
Studium in Städtebau an der Technischen Hochschule Dresden bei Cornelius Gurlitt, dem Begründer der kunsthistorischen Barockforschung und damit auch der sechsischen Denkmalpflege. Bärbig arbeitete als Bautechniker bei Rudolf Kolbe

1913
Gründung des eigenen Architektenbüros in Dresden

1917
Als Soldat in die Armee eingezogen, kämpfte Bärbig an den Fronten des Ersten Weltkriegs

1918–1933
Vorstand des Bundes Deutscher Architekten (BDA)

1919–1933
Teilnahme an Ausschreibungen für den Bau von Privathäusern, kostengünstigen Wohnhäusern, Siedlungen, Verwaltungsgebäuden, Krankenhäusern; in dieser Zeit hat er auch viel über Architektur geschrieben.

1923
Bärbig wurde als einziger Architekt aus Dresden in die Freie Deutsche Akademie für Städtebau berufen.

1933–1939
Bärbig wurde die Ausübung des Architektenberufes wegen seiner sozialistischen Überzeugung untersagt, er sah sich gezwungen auszureisen. In Brasilien versuchte er, sich als Künstler zu finden.

1939–1945
Rückkehr nach Deutschland, private Aufträge bei Dresden.

1945–1968
Bauaufträge, Unterrichten, publizistische Aktivitäten Mitglied des 1. Trümmerkomitees und Mitbegründer des neuen BDA. Mitbegründer der sächsischen Kammern für Technik, Leiter der Bauabteilung in Sachsen.

1946
Lehrstuhl für Baukunst an der Akademie der Bildenden Künste Dresden.
1948
Jurymitglied bei Architektur- und städtebaulichen Wettbewerben zum Wiederaufbau Dresdens, Leiter einer Gruppe freier Architekten bei Teilnajme an Ausschreibungen zum Wiederaufbau Dresdens.

1948
Unterrichtete an der Technischen Universität Dresden, Lehrstuhl für Baukonstruktionen

1965
Erhielt die Genehmigung, in der DDR private Aufträge zu übernehmen

3 September 1968
Bärbig verstarb in Lubmin und wurde auf dem Kirchhof Maria am Wasser beigesetzt



ARCHITEKTONISCHES SCHAFFEN

1912–1916
Wohnsiedlung an der Bismarkstraße, Dresden- Niedersedlitz. Städtebauliche Lösung für den städtischen Eliasfriedhof
Wohnsiedlung in Dresden-Cotta

1919
Kleinwohnungsbau – Wohnsiedlung für 40 Wohnungen in Wilsdruff

1920
Kleinwohnungsbau – Wohnsiedlung für 178 Wohnungen an der Peschar Gärtnerei, Dorf Laubegast

1922
Städtebauliche Lösung für den Ausbau des Friedhofs Rabenau

1923
Zentraler Friedhof und Krematorium in Freital

1924
Waldfriedhof mit Kapelle in Böhringer

1924
Friedhof mit Kapelle in Böhringer

1925–1926
Umbau des Schlosses Hohenstein in der Sächsischen Schweiz für ein Jugenderholungsheim.
"Weinberg-Kolonie" – Wohnsiedlung für Kriegsveteranen
1926
Erster Platz im Wettbewerb für den Bau des größten in Europa Büro- und Produktionskomplexes der Konsumgenossenschaft „Vorwärts". Am Wettbewerb nahmen solche Architekten wie Walter Gropius Teil, aber auch das damals größte Dresdener Architektenbüro "Schilling & Gäbner".

1928
Volkshaus Cotta an der Dresdner Hebbelstraße
Arbeitsagentur Sebnitz
Gebäude der Gesellschaft für Krankenversicherung, Sebnitz, Gottleib

1928–1929
Das erste deutsche Jugenderholungsheim in Ottendorf bei Sebnitz

1928–1931
Bauarbeiten am Büro- und Produktionskomplexes der Konsumgenossenschaft „Vorwärts"; der Fleischverarbeitungsbetrieb und die in Deutschland erste Tiefgarage blieben bis 1991 in Betrieb (nun werden sie saniert).

1930
Krankenhaus der Stadt Sebnitz

1930–1931
Hochschule für Landtechnik, Potsdam

1933–1939
Gebäude des Tennisklubs in Santa Amare, Brasilien
Kunstmalerei

1945
Umbau eines Kaufhauses in Brandenburg
Kaufhaus, Bad Liebenwerda

1948
Denkmal den Opfern des Nazismus in Zwickau

1949–1950
Umbau des Ballhauses „Constantia" ins Theater Junge Generation in Dresden
1950
Tbc.-Heilstätte in Königsbrück

1959
Hochschule für Landtechnik an der TU Dresden

1961
Gebäude der Möbel-Produktionsgenossenschaft

1964
Lager für ätherische Öle und Benzin

1965
Genehmigung, private Aufträge in der DDR zu übernehmen



AUSZEICHNUNGEN

1912
Kompositionspreis der Dresdener Akademie für Künste und Silbermedaille des Ateliers von German Bestelmeyer.

1921
Stipendium der Stadt Dresden und Gottfried-Semper-Architekturpreis

1922
Dr.-Roscher-Preis, Stipendium der Sächsischen Regierung für Veröffentlichungen von Essays.

1964
Schinkel-Medaille, Bronzenes Verdienstkreuz
Kurt Bärbig
1929